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März
2004: "Brandbrief"
Warnhinweis bei RISPERDAL durch den Hersteller: Pharmafirma
Janssen-Cilag GmbH - Wirkstoff: Risperidon
In einem "Brandbrief" an die Ärzte gibt der
Hersteller Cilag-Janssen Warnhinweise und ergänzt "Warnhinweise
und Vorsichtsmaßnahmen für die Anwendung bei älteren
Menschen mit Demenz":
Darin heißt es:
"In plazebo-Kontrollierten Studien bei älteren Patienten
mit Demenz war die Inzidenz von zerebrovaskulären
Ereignissen einschließlich Insult (auch mit Todesfolge)
und transistorischen ischämischen Attacken (TIA) bei
den mit RISPERDAL behandelten Patienten signifikant
höher als im Vergleich zu den Patienten, die Plazebo
erhielten (mittleres Alter 85 Jahre; Altersspanne 73-97 Jahre).
Weiter heißt es: "Vom behandenden Arzt sind die
Patienten bzw. deren Betreuer darauf hinzuweisen, dass sie
Anzeichen von Erschlaffung, Taubheit im Gesicht, Armen oder
Beinen sowie Sprach- und Sehstörungen unverzüglich
berichten sollen. Ohne Verzug sind alle Behandlungsmöglichkeiten
einschließlich Abbruch der Therapie abzuwägen".
Kommentar:
Was soll und kann ein Demenz-Erkrankter mit einer Information
durch den behandelnden Arzt denn anfangen? Nichts! Und wie
soll ein medizischer Laie, zum Beispiel ein Berufsbetreuer,
auf eine Information durch den Arzt reagieren?
Seit wann sind die kardio-vaskuläre oder Hirngefäß-
Risiken mit Todesfällen bekannt? Wieso wurde und wird
das Mittel angesichts der beschriebenen Risiken nicht sofort
vom Markt genommen oder für Demenzkranke "gesperrt",
also die Zulassung für diesen Personenkreis vom Bundesinstitut
für Arzneimittel- und Medizinprodukte und der Arzneimittelkommission
zurückgenommen? Wieso nimmt der Hersteller das Medikament
nicht (zur Anwendung bei Demenzkranken) vom Markt?
Jeder Automobilhersteller ruft, zeigen sich Mängel an
Fahrzeugen oder Risiken beim Betrieb, in Rückrufaktionen
oft große Stückzahlen in die Werkstätten zurück.
Bei Demenzkranken mit den bekannten Defiziten bei den kognitiven
Fähigkeiten, zumal wenn sie an den "Risiken oder
Nebenwirkungen" eines Medikaments verstorben sind, sind
solche Rückrufaktionen schlechthin nicht möglich.
Dann muß aber ein Hersteller ein Medikament - auch im
Hinblick auf das Gesetz über den Verkehr mit Arzneimitteln
(Arzneimittelgesetz) - zumindest sofort vom Markt nehmen und
dies der betroffenen Öffentlichkeit mitteilen, damit
vorhandene Medikamentenbestände nicht mehr, oder nur
noch unter strenger ärztlicher Aufsicht und Beobachtung
möglicher Nebenwirkungen, eingenommen werden. Fragen
über Fragen!
Im Geriatriejournal 10/02 schreibt Professor Dr.
Dieter Hirsch, Leitender Abteilungsarzt in Bonn über
RISPERIDON:
"Die Anforderungen an eine rationale Therapie nicht-kognitiver
Symptome erfüllt insbesondere Risperidon, da seine Wirksamkeit
und Verträglichkeit gut dokumentiert sind, und es in
Deutschland als einziges Medikament für die Behandlung
von Verhaltensauffälligkeiten und psychotischen Symptomen
bei Demenzerkrankungen zugelassen ist".
Weiter heißt es dort: "Risperidon ist als einziges
in dieser Indikation zugelassen und wurde bereits im ersten
Konsensus-Treffen als ein Mittel der ersten Wahl empfohlen".
Risperdal gehört zu den sog. Atypika, den Neuroleptika
der neueren Generation. Neuroleptika wurde ursprünglich
gegen endogene Psychosen, also Psychosen aus dem schizophrenen
Formenkreis, erfunden. und werden seit Jahren massenhaft
bei Verhaltensauffälligkeiten bei Demenzkranken (die
in der Regel nicht schizophren sind) eingesetzt. Ist diese
symptombezogene medikamentöse Threapie rechtlich
überhaupt zulässig, muß doch jeder Arzt streng
diagnosebezogen behandeln, und wird ein Demenz-Erkrankter
doch in der Regel nicht, erst Recht nicht gründlich,
auf das Vorliegen einer endogenen Psychose untersucht,
wenn er/sie depressiv oder gar aggressiv erscheint, fragt
sich der Laie.
In einem Sonderblatt "Aktionswoche Altern in Würde"
der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände - ABDA
- , in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für
Gerontopsychiatrie und psychotherapie e.V. (deren Vorsitzender
Professor Hirsch war), der "Initative Altern in Würde"
sowie der Pharma- Firma Janssen-Cilag GmbH im Jahr 2003 heißt
es::
" Die Demenz und die Verhaltensstörungen
Die Verhaltensstörungen können in jeder Phase der
Krankheit günstig beeinflußt werden. Dies ist um
so wichtiger, da besonders das veränderte Verhalten den
Betroffenen in seiner Alltagskompetenz enorm einschränkt
und nicht selten zur Heimeinweisung führt. In erster
Linie setzen Ärzte dabei neuere Medikamente, so genannte
Atypika ein...... Diese sorgen dafür, dass sich
die Stoffwechselvorgänge im Gehirn wieder normalisieren.
Die neuen Medikamente haben den Vorteil, dass sie sehr
wirkungsvoll und gut verträglich sind. Am besten
eignen sich Atypika, weil sie nicht müde machen und
gleichzeitig die Selbstständigkeit der Patienten erhalten".
Man muß sich nicht nur fragen, ob der Apothekerverband
derart direkt Werbung für bestimmte Wirkstoffgruppen
betreiben darf, und ob die undifferenzierte Lobpreisung der
Neuroleptika (Atypika), ohne jegliche Hinweise auf Risiken
und Nebenwirkungen, die ja man laut Werbung bei den Apotheken
regelmäßig abfragen darf, überhaupt zulässig
und nicht gar rechtswidrig ist?
Es wird höchste Zeit, daß alle Ärzte, die
Alzheimer-Patienten oder andere an einer Demenz Erkrankte
behandeln, gründlichst in Fortbildungskursen über
die hohen Risiken beim Einsatz von Wirkstoffen, die für
die Behandlung von Schizophrenien, bipolare Störungen
(zum Beispiel manischen Depressionen), aber nicht für
hirnorgansiche Erkrankungen wie z.B. Alzheimer geschaffen
wurden, aufgeklärt werden.
Wir sind uneingeschränkt der Auffassung, daß man
den psychosozialen Folgen der Krankheit, also den psychischen
Folgen des Umgangs des Erkrankten mit seiner Krankheit, bzw.
des Umgangs der Umgebung, dem sozialen Umfeld, mit dem Erkrankten
und seiner Krankheit vorrangig mit Verständnis, bezugsvoller
Betreuung und Respekt und Rücksicht, in Heimen zusätzlich
mit biografiebezogener Beschäftigung, abhelfen kann,
und nicht mit Medikamenten, die lediglich die Verhaltensauffälligkeiten
eindämmen, dabei aber erhebliche Nebenwirkungen und Risiken
in sich bergen können, wie nunmehr bei Risperdal vom
Hersteller attestiert wird.
[siehe
auch Medizin]
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