Juni 2006
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Leiden in der Pflegefabrik
 
Die Versorgung der Pflegefälle in Deutschland ist in weiten Teilen unzureichend. Ursachen sind Kostendruck und überfordertes Personal
(von Ulli Kulke)

Die Welt vom 17. Juni 2006


Jeder zweite Bundesbürger hat heute bereits große - und angesichts ausblutender Rentenkassen nicht unberechtigte - Angst vor Altersarmut. Und doch ist das längst nicht die schlimmste Sorge, die die Deutschen umtreibt, wenn sie an ihren Lebensabend denken: Knapp zwei Drittel fürchten sich davor, in den späten Jahren zum Pflegefall zu werden und auf die Hilfe des oft überlasteten Personals von Krankenhaus oder Pflegeheim ausgeliefert zu sein.

Als hätte es noch eines Beweises bedurft, daß dies nichts mit skeptischem Zeitgeist oder diffuser Zukunftsangst zu tun hat, wird jetzt der Berliner Öffentlichkeit mitten im weltmeisterlichen Taumel in schrecklicher Weise vorgeführt, was alles hinter den Mauern von Heim und Klinik mit alten Menschen passiert: Hier zu Tode verbrüht, da verloren und verhungert in den unergründlichen Katakomben einer Klinik, und dort schließlich drei Tage lang vergessen in einem stecken gebliebenen Aufzug (siehe auch den Text unten). Über Cartoons etwa mit dem Opa, der mitsamt Rollstuhl beim einbrechenden Winter im Garten versehentlich stehen gelassen wurde, dürfte vorerst niemand mehr lachen in der Stadt. In der Altenpflege scheint nichts unmöglich.

Die Fälle ereigneten sich in fast schon makaberer Weise punktgenau zur Vorstellung einer Studie über die Zustände in deutschen Pflegeheimen am vergangenen Mittwoch. "Strukturelle menschliche Defizite", so sagt Autor Valentin Aichele etwas akademisch, habe er bei seinen Untersuchungen feststellen müssen. Dahinter verbirgt sich auch die schlichte Faustformel, daß fast die Hälfte der 600 000 Bewohnern von Pflegeheimen "mangelhaft ernährt und nicht mit ausreichend Flüssigkeit versorgt wurden", einfach nicht genug zu essen und trinken bekommen. "Gefängnismeutereien würden drohen, käme so etwas über unsere Justizvollzugsanstalten ans Licht", sagt eine Klinikleiterin, "aber die Alten können sich nicht wehren."

Die Studie, die für das Deutsche Institut für Menschenrechte (DIMR) erstellt wurde, einem vom Bund getragenen gemeinnützigen Verein, zeigt weitere Defizite: Die Inkontinenz vieler Pflegefälle würde zum Teil nur unzureichend berücksichtigt. Bei 43 Prozent der untersuchten Patienten stellten die Autoren Defizite in der Vorbeugung gegen "Dekubitus" fest, Druckgeschwüre, die durch zu langes bewegungsloses Liegen verursacht wurden. Patienten würden vielfach nicht rechtzeitig umgelagert, das war ein Vorwurf, den bereits der "Vierte Bericht der Bundesregierung zur Lage der älteren Generation" im Jahre 2002 erhob. Es hört sich beinahe nebensächlich an, bedeutet aber für die Patienten eine schlimme - und unnötige - Tortur. Häufigere Hilfestellungen würden Geschwüre auf einfachste Weise verhindern.

Doch solch gesteigerte Zuwendungen steht bei der zunehmenden Stückzahl Mensch pro Hilfskraft den Effizienzbedürfnissen im Heim entgegen. "Stückzahl Mensch" ist ein Begriff aus dem Code der Pfleger in den Heimen, den Markus Breitscheidel zitiert - ein Insider. Im vergangenen Jahr legte er sein Buch "Abgezockt und totgepflegt" über den Alltag in deutschen Pflegeheimen vor. Der Aussteiger aus seinem früheren Job als Industriemanager hat ein Jahr lang als Pfleger in verschiedenen Heimen der Republik gearbeitet, um über die Zustände dort authentisch berichten zu können. Erschreckend schon, wie leicht ihm die Anstellung gewährt wurde: Ein Zeugnis wurde bei keiner seiner Stationen verlangt, "offenbar reichte es, daß ich kräftig war, flexibel und bereit, Menschen im Akkord abzuarbeiten, und als Ungelernter gab ich mich mit wenig Geld zufrieden", sagte er in einem Interview.

Die Taktung ist eng im Pflegeheim: "Man hat für einen Toilettengang drei bis sechs Minuten", sagt Breitscheidel, "das ist je nach Zustand des Bewohners kaum zu realisieren." Zahnpflege, Zubereitung der Nahrung am Bett - alles in Minutenangaben geregelt. "Wenn Personal fehlt, und das fehlt fast immer, bleiben die Letzten im Zeitplan sowieso ungepflegt im Bett liegen" - oder eben im Aufzug stecken, und keiner merkt es.

Das Fließband wird nicht an die Menschen angepaßt, sondern der menschliche Rhythmus an den Personalschlüssel. Da werden die Patienten schon mal um 16.00 Uhr zur Nachtruhe gelegt und morgens noch vor vier geweckt. 50 Prozent Fachkräfte schreibt das Pflegegesetz in den Heimen vor. Die Artikulationsprobleme der alten Menschen - unter ihnen immer mehr Demenzkranke - werden dabei nicht weniger, wenn die Leitungen der Häuser ihre ungelernten Kräfte zunehmend aus dem Ausland rekrutieren und nicht auf Sprachkenntnisse achten.

Die Studie des DIMR empfiehlt strengere Kontrollen, verstärkt und unangemeldet. Und Christina Kaleve, Vorsitzende des Berufsverbandes für Altenpflege (DBVA), klagt etwa zwei Drittel der Pflegebetriebe als "schwarze Schafe" an. Für Michael Schulz, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe, schüren noch mehr Kontrollen dagegen nur "Mißtrauen am falschen Platz".

Egal, ob das Niveau der Pflege an Profitsucht oder unzureichenden Zuwendungen der Kassen krankt, die Finanzierung der Branche und so auch ihre Qualitätssicherung dürfte nicht einfacher werden. Heute sind rund zwei Millionen Menschen pflegebedürftig, im Jahr 2020 womöglich drei Millionen - bei weniger Beitragszahlern. Woher soll das Geld kommen? Werden die Krankenkassen auch hierbei noch zur Kasse gebeten? Die horrende Kostenexplosion der Intensivmedizin, bei der einzelne, fast hoffnungslose Fälle für Tage oder Wochen am Leben gehalten werden, durch serienweise Injektionen mit Ampullen, von denen jede einzelne so viel kostet wie eine Pflegerin im Monat verdient, hat die Phantasie in dieser Fachdiskussion schon mal in bizarrer Weise beflügelt.