|
Jeder zweite
Bundesbürger hat heute bereits große - und angesichts ausblutender
Rentenkassen nicht unberechtigte - Angst vor Altersarmut. Und doch ist das längst
nicht die schlimmste Sorge, die die Deutschen umtreibt, wenn sie an ihren Lebensabend
denken: Knapp zwei Drittel fürchten sich davor, in den späten Jahren
zum Pflegefall zu werden und auf die Hilfe des oft überlasteten Personals
von Krankenhaus oder Pflegeheim ausgeliefert zu sein. Als
hätte es noch eines Beweises bedurft, daß dies nichts mit skeptischem
Zeitgeist oder diffuser Zukunftsangst zu tun hat, wird jetzt der Berliner Öffentlichkeit
mitten im weltmeisterlichen Taumel in schrecklicher Weise vorgeführt, was
alles hinter den Mauern von Heim und Klinik mit alten Menschen passiert: Hier
zu Tode verbrüht, da verloren und verhungert in den unergründlichen
Katakomben einer Klinik, und dort schließlich drei Tage lang vergessen in
einem stecken gebliebenen Aufzug (siehe auch den Text unten). Über Cartoons
etwa mit dem Opa, der mitsamt Rollstuhl beim einbrechenden Winter im Garten versehentlich
stehen gelassen wurde, dürfte vorerst niemand mehr lachen in der Stadt. In
der Altenpflege scheint nichts unmöglich. Die
Fälle ereigneten sich in fast schon makaberer Weise punktgenau zur Vorstellung
einer Studie über die Zustände in deutschen Pflegeheimen am vergangenen
Mittwoch. "Strukturelle menschliche Defizite", so sagt Autor Valentin
Aichele etwas akademisch, habe er bei seinen Untersuchungen feststellen müssen.
Dahinter verbirgt sich auch die schlichte Faustformel, daß fast die Hälfte
der 600 000 Bewohnern von Pflegeheimen "mangelhaft ernährt und nicht
mit ausreichend Flüssigkeit versorgt wurden", einfach nicht genug zu
essen und trinken bekommen. "Gefängnismeutereien würden drohen,
käme so etwas über unsere Justizvollzugsanstalten ans Licht", sagt
eine Klinikleiterin, "aber die Alten können sich nicht wehren." Die
Studie, die für das Deutsche Institut für Menschenrechte (DIMR) erstellt
wurde, einem vom Bund getragenen gemeinnützigen Verein, zeigt weitere Defizite:
Die Inkontinenz vieler Pflegefälle würde zum Teil nur unzureichend berücksichtigt.
Bei 43 Prozent der untersuchten Patienten stellten die Autoren Defizite in der
Vorbeugung gegen "Dekubitus" fest, Druckgeschwüre, die durch zu
langes bewegungsloses Liegen verursacht wurden. Patienten würden vielfach
nicht rechtzeitig umgelagert, das war ein Vorwurf, den bereits der "Vierte
Bericht der Bundesregierung zur Lage der älteren Generation" im Jahre
2002 erhob. Es hört sich beinahe nebensächlich an, bedeutet aber für
die Patienten eine schlimme - und unnötige - Tortur. Häufigere Hilfestellungen
würden Geschwüre auf einfachste Weise verhindern. Doch
solch gesteigerte Zuwendungen steht bei der zunehmenden Stückzahl Mensch
pro Hilfskraft den Effizienzbedürfnissen im Heim entgegen. "Stückzahl
Mensch" ist ein Begriff aus dem Code der Pfleger in den Heimen, den Markus
Breitscheidel zitiert - ein Insider. Im vergangenen Jahr legte er sein Buch "Abgezockt
und totgepflegt" über den Alltag in deutschen Pflegeheimen vor. Der
Aussteiger aus seinem früheren Job als Industriemanager hat ein Jahr lang
als Pfleger in verschiedenen Heimen der Republik gearbeitet, um über die
Zustände dort authentisch berichten zu können. Erschreckend schon, wie
leicht ihm die Anstellung gewährt wurde: Ein Zeugnis wurde bei keiner seiner
Stationen verlangt, "offenbar reichte es, daß ich kräftig war,
flexibel und bereit, Menschen im Akkord abzuarbeiten, und als Ungelernter gab
ich mich mit wenig Geld zufrieden", sagte er in einem Interview. Die
Taktung ist eng im Pflegeheim: "Man hat für einen Toilettengang drei
bis sechs Minuten", sagt Breitscheidel, "das ist je nach Zustand des
Bewohners kaum zu realisieren." Zahnpflege, Zubereitung der Nahrung am Bett
- alles in Minutenangaben geregelt. "Wenn Personal fehlt, und das fehlt fast
immer, bleiben die Letzten im Zeitplan sowieso ungepflegt im Bett liegen"
- oder eben im Aufzug stecken, und keiner merkt es. Das
Fließband wird nicht an die Menschen angepaßt, sondern der menschliche
Rhythmus an den Personalschlüssel. Da werden die Patienten schon mal um 16.00
Uhr zur Nachtruhe gelegt und morgens noch vor vier geweckt. 50 Prozent Fachkräfte
schreibt das Pflegegesetz in den Heimen vor. Die Artikulationsprobleme der alten
Menschen - unter ihnen immer mehr Demenzkranke - werden dabei nicht weniger, wenn
die Leitungen der Häuser ihre ungelernten Kräfte zunehmend aus dem Ausland
rekrutieren und nicht auf Sprachkenntnisse achten. Die
Studie des DIMR empfiehlt strengere Kontrollen, verstärkt und unangemeldet.
Und Christina Kaleve, Vorsitzende des Berufsverbandes für Altenpflege (DBVA),
klagt etwa zwei Drittel der Pflegebetriebe als "schwarze Schafe" an.
Für Michael Schulz, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Alten-
und Behindertenhilfe, schüren noch mehr Kontrollen dagegen nur "Mißtrauen
am falschen Platz". Egal,
ob das Niveau der Pflege an Profitsucht oder unzureichenden Zuwendungen der Kassen
krankt, die Finanzierung der Branche und so auch ihre Qualitätssicherung
dürfte nicht einfacher werden. Heute sind rund zwei Millionen Menschen pflegebedürftig,
im Jahr 2020 womöglich drei Millionen - bei weniger Beitragszahlern. Woher
soll das Geld kommen? Werden die Krankenkassen auch hierbei noch zur Kasse gebeten?
Die horrende Kostenexplosion der Intensivmedizin, bei der einzelne, fast hoffnungslose
Fälle für Tage oder Wochen am Leben gehalten werden, durch serienweise
Injektionen mit Ampullen, von denen jede einzelne so viel kostet wie eine Pflegerin
im Monat verdient, hat die Phantasie in dieser Fachdiskussion schon mal in bizarrer
Weise beflügelt.
|