April 2003
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Alzheimer und Kunst
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Alzheimer und Kunst ©

Vorwort (zur Broschüre)

Ca. 1,6 - 1,8 Millionen Menschen leiden z.Zt. in der Bundesrepublik Deutschland an einer unaufhaltsamen und fortschreitenden Gehirnleistungsschwäche in Folge einer hirnorganischen Erkrankung, die meisten an einer Demenz vom Alzheimer Typ, die die "Alzheimer Krankheit" genannt wird.

Es ist bekannt, wie Gehirnfunktionen langsam wegfallen, Betroffene sich in Ihrem Umfeld immer schwerer orientieren können, ihr Gedächtnis bis zur Vergessenheit abnimmt und sie sich anderen nicht mehr wie früher mitteilen können. Warum sich sog. Plaques bilden, was genau die Ursachen der vaskulären Demenz ("Gefäß-Alzheimer") sind, was das Absterben von Gehirnzellen und damit den Wegfall von wichtigen Funktionen des menschlichen Gehirns letztlich verursacht, ist bisher nicht oder nur unzureichend bekannt. Medikamente oder Therapien gegen die Krankheit gibt es zur Zeit nicht.

Demenzkranke erleben in ihrer, sich durch die Krankheit und den Umgang mit ihnen verändernden, Welt ihre Umwelt anders und werden meist nicht oder falsch verstanden.

Der Grafiker und Künstler Carolus Horn, seinerzeit selbst an Morbus Alzheimer erkrankt und gestorben, zeigt in seinen eindrucksvollen Bildern, wie sich seine Betrachtens- und Ausdrucksweisen im Verlauf seiner Erkrankung änderten; seine Werke zeigen uns aber auch, dass sein Ausdruck, die perspektivische Betrachtensweise und die Feinheit in der Wiedergabe der Objekte erschreckend nachließ, nicht aber sein Lebenswille und sein Wille, sich mitzuteilen und sich selbst - und anderen - seinen Lebenswillen zu beweisen.

Auch der in den Vereinigten Staaten lebende, auch an Alzheimer erkrankte Maler und Künstler William Utermohlen malte und zeichnete unter dem Eindruck und Einfluß der Krankheit weiter; auch er gab und gibt nicht sich selbst auf und macht anderen Mut, ihn und die vielen anderen, an der tragischen Krankheit Erkrankten nicht aufzugeben, nur weil sie nicht mehr kommunikationsfähig oder verständlich sind, wie wir Gesunde.

Sie alle, bekannte Maler und Künstler, deren Werke in Museen hängen, Filmstars wie Rita Hayworth, Charlton Heston, Politiker wie Ronald Reagan und Herbert Wehner, Musiker wie Helmut Zacharias, beweisen uns ihre Stärke, die ihnen Lebenskraft gab und Mut, weiterleben zu wollen, trotz der Krankheit!

Im Zusammenhang mit der Pflege, Versorgung und Betreuung von Demenz-Erkrankten werden häufig die vermeintlichen finanziellen Grenzen der Sozialgemeinschaft aufgezeigt, personelle, räumliche, und Ausbildungs- Defizite "ins Feld" geführt, oft auch das meist hohe Alter der Betroffenen sowie die Unheilbarkeit der Krankheit; Außenstehende, die sich - meist gedankenlos oder ohne Sachkenntnis - nur mit aktuellen Zahlen, Fakten oder dem Krankheitsbild befassen, nicht aber mit dem Seelenleben von Alzheimer-Kranken, sprechen gelegentlich sogar von deren Leben, das, mit den Maßstäben der Gesunden gemessen, doch nicht mehr "lebenswert" sei.

Keinem soll und kann hierbei Unmenschlichkeit oder gar Arroganz unterstellt werden. Jeder muss aber wissen, dass bei allen Kosten- und Sinn- Überlegungen, bei dem Blick auf Gesundheits- und Pflegekassen- Etats, oder, mit den Maßstäben eines Gesunden, auf die erschreckenden Defizite bei Demenz-Kranken, über allem die Menschenwürde und das grundrechtlich geschützte Recht jedes Einzelnen auf eine menschenwürdige Behandlung stehen muß !
Und jeder sollte wissen, dass das Erscheinungsbild, welches uns in Pflegeheimen und psychiatrischen Kliniken von Demenz-Erkrankten geboten wird, meist das Ergebnis menschenunwürdiger mechanischer und medikamentöser Fixierungen, Isolierung und Eingeschlossensein ist, oft auch mangelnder Pflege und Beschäftigung, und nicht eine unmittelbare Folge der hirnorganischen Erkrankung.

Menschenwürde ist nicht beliebig verteilbar oder "dosierbar", erst Recht nicht nach Krankheitsbildern, dem Alter der Erkrankten, deren verbleibender Lebenserwartung oder nach Heilungschancen, erst Recht nicht nach reinen Kosten/Nutzen- Gesichtspunkten.

Die Zusammenstellung in dieser Broschüre soll nicht bloß das in bildlichen Darstellungen erkennbare Nachlassen von Gehirnleistungen dokumentieren oder beschreiben; sie soll vielmehr den Leser für die sich schleichend verändernde Welt von Demenzkranken sensibilisieren, Verständnis für ihr Leben und auch ihr Leiden wecken, und sie ermahnen, human und zuwendungs- und verständnisvoll mit ihnen umzugehen, auch damit sie, die durch die Krankheit langsam vergessen, nicht zu vergessen und abgeschoben werden!

Sie soll auch Anstöße für mehr biografiebezogene Beschäftigung mit den Erkrankten geben und aufzeigen, dass trotz der hirnorganischen Erkrankung in den Betroffenen Leben, Kreativität und Lebens- wie auch Ausdruckswille steckt. Malen, Zeichnen, musikalische Beschäftigung sind einige der wesentlichen "Instrumente", mit denen das Leben der Betroffenen fernab von medikamentösen und mechanischen Fixierungen, von Isolierung und Eingeschlossensein human und lebenswert gestaltet werden kann.

Demenz-Kranke brauchen Verständnis und bezugsvolle Betreuung in kleinen Wohngruppen mit biografiebezogenen Beschäftigungsmöglichkeiten, damit sie würdevoll und betreut leben können, wenn das Leben zu Hause nicht mehr möglich ist.


Michael G. Streicher
Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Bonn e.V.

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