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Wiir
alle lesen, sehen und hören in den Medien viel
über Demenzerkrankungen, insbesondere über
Alzheimer: Erschreckendes, Tragisches und Dramatisches.
Alzheimer
ist, wie alle Erkrankungen des zentralen Nervensystems,
eine bisher nicht heilbare hirnorganische Erkrankung,
die viel Leid und Belastung, vor allem für die
unmittelbar Betroffenen und die sie pflegenden und betreuenden
Angehörigen mit sich bringt. Besonders ältere
und alte Menschen sind von ihr betroffen. Der letzte
"Bericht zur Lage der älteren und alten
Menschen in der Bundesrepublik Deutschland"
trägt nicht ohne Grund den Untertitel "Unter
besonderer Berücksichtigung der wachsenden Zahl
Demenzerkrankter".
Dieser
Bericht weist die Zahl von ca. 1,6 Millionen Erkrankter,
unter Einbeziehung von Fällen in Frühstadien,
aus; diese Zahl ist leider längst überholt.
Geht man von der realistischen Annahme aus, wonach ca.
70-80 % aller Pflegeheimbewohner an einer Demenz erkrankt
sind, und nur ca. 20% aller Demenzerkrankten in Heimen
leben, ca. 80% zu Hause gepflegt und betreut werden,
lässt sich heute mühelos die Zahl von mehr
als 1,8 Mio. Erkrankter errechnen. Hierin dürften
auch diejenigen einzubeziehen sein, die "lediglich"
an einer natürlichen Altersdemenz, also an dem
altersbedingten Abnehmen der Gehirnleistungsfähigkeit
leiden. Die Zahl wächst in Folge der wachsenden
Lebenserwartung unaufhörlich weiter! Bald wird
die 2 Mio.- Grenze überschritten sein, wobei wir
uns nicht auf eine grenzenlos steigende Lebenserwartung
einstellen sollten; die heute statistisch errechnete
dürfte die obere Grenze andeuten.
In
einem vor kurzem stattgefundenen Kongreß der Bundesärztekammer
in Berlin prognostizierte ein Wissenschaftler des Universitätsklinikums
Freiburg, dass jeder 4. Deutsche einmal die Symptome
einer Demenz entwickeln würde.
Allein
im Jahr 2040 müßten für Demenzerkrankungen
die gesamten Gesundheitskosten des Jahres 2000 aufgewandt
werden. Demenzerkrankungen würden zu einer Volkskrankheit!
Professor Dr. Wolfgang Maier, einer der führenden
Demenz-Forscher in Deutschland, legte kürzlich
auf einem Symposium der Alzheimer Gesellschaft Bonn
Zahlen vor, die dies bestätigen. Er wies aber darauf
hin, dass, werden die Rahmenbedingungen dazu geschaffen,
auch ein Leben mit einer Demenz für die Betroffenen
lebenswert sein kann, und die Aussicht auf eine, theoretisch
jeden treffende, Erkrankung nicht Anlaß für
"Angst vor dem Alter" sein muß und sollte!
Wir
haben es heute bereits nicht mehr mit einer überschaubaren
und beherrschbaren Zahl von Krankheitsfällen zu
tun, sondern mit einem ständig wachsenden, alle
Lebensbereiche und Familien betreffenden, Teil unserer
gesamten Gesellschaft, für den heute die Weichen
gestellt werden müssen.
Hinter
jedem einzelnen Schicksal steht schon heute unermessliches
Leid: nach der Diagnose brechen bei Vielen die Zukunftsperspektiven
weg, pflegende und betreuende Angehörige opfern
sich auf, oft, bis sie selbst zum Krankheitsfall werden.
Enormen Belastungen sind auch Pflegekräfte in vielen
Alten- und Pflegeheimen, die grundsätzlich nicht
für die wachsende Zahl Demenz-Erkrankter konzipiert
waren, ausgesetzt. Krankheitsspezifische Ausbildungsdefizite
bei den Pflegenden und auf ein anderes "Klientel"
ausgerichtete Betriebsabläufe verleiten häufig
zum Einsatz von inhumanen mechanischen und medikamentösen
Fixierungen! Bei Letzteren sind Ärzte gefragt,
ob sie in jedem Einzelfall die Folgen ihrer Medikation
genügend überdacht haben.
Haben wir uns so unser Altern vorgestellt? Natürlich
nicht! Und so wundert es keinem, wenn Umfragen ergeben,
dass die meisten Befragten sich ein Leben im Alter in
einem Pflegeheim nicht vorstellen können! Wer aber
eine Demenz-Erkrankung bekommt - und keiner kann sicher
sein, nicht betroffen zu werden-, muß daher allein
aus eigenem Interesse schon heute massiv dafür
eintreten, dass für einen humanen und würdevollen
Umgang mit den Kranken die Weichen gestellt werden!
Grundsätzlich gilt aber:
Jeder
einzelne Bürger unseres Landes, auch ein Demenzerkrankter,
steht unter dem grundgesetzlichen Schutz des unabdingbaren
Rechts auf eine würdevolle Behandlung, auf individuelle
Freiheit und körperliche Unversehrtheit! Demenz-Erkrankte,
haben, auch wenn sie sich krankheitsbedingt nicht mehr
so mitteilen und verhalten können wie wir Gesunde,
ein Seelenleben; sie empfinden Freude und Traurigkeit
wie wir, sind verletzlich und können auch lachen.
Sie bedürfen, gerade weil sie durch die Krankheit
zunehmend hilf- und sprachloser werden, unserer besonderer
Fürsorge, bezugsvoller Betreuung und biografiebezogener
Beschäftigung.
Die Erkrankten bleiben trotz der alles oder vieles verändernden
Krankheit Menschen, die es stets zu achten und zu respektieren
gilt, auch wenn sie krankheitsbedingt nicht mehr unsere
"Sprache" sprechen können.
Den
"Preis" des Alterns, tritt denn nun einmal
eine Demenzerkrankung auf, zahlen die Betroffenen unfreiwillig,
indem sie des normalen Alterns, auf das sich fast jeder
Mensch nun einmal freut, verlustig gehen. Dann kann
und darf aber der Gedanke "Pech gehabt!",
oder "hoffentlich erwischt es mich nicht"
nicht die Leitlinie des Handelns oder der Einstellung
der Gesunden sein. Unsere christliche Wertvorstellung
vom Menschen und der menschlichen Gemeinschaft verpflichtet
uns alle, schon jetzt auf allen Ebenen mitzuwirken,
damit diejenigen, die von dieser tragischen Erkrankung
betroffen sind oder sein werden, verständnisvoll
und menschenwürdig versorgt und betreut werden.
Wir müssen jetzt und heute die Rahmenbedingungen
schaffen, damit Demenz-Erkrankte nicht, erst Recht nicht
aus finanziellen Gründen, ausgegrenzt werden, sondern
ihren Platz in unserer Gesellschaft behalten, auch wenn
es manchem leicht fällt, für sich selbst die
"Option" einer eigenen Erkrankung auszuschließen,
und die schon heute Betroffenen so gar nicht dem Bild
einer lebenswerten und jugendlich-dynamischen Gesellschaft
entsprechen.
© Michael G. Streicher
Alzheimer Gesellschaft Bonn e.V.
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