März 2005
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Alzheimer Gesellschaft Bonn e.V.
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 Demenz-Erkrankungen - der hohe Preis des Alters?

Wiir alle lesen, sehen und hören in den Medien viel über Demenzerkrankungen, insbesondere über Alzheimer: Erschreckendes, Tragisches und Dramatisches.

Alzheimer ist, wie alle Erkrankungen des zentralen Nervensystems, eine bisher nicht heilbare hirnorganische Erkrankung, die viel Leid und Belastung, vor allem für die unmittelbar Betroffenen und die sie pflegenden und betreuenden Angehörigen mit sich bringt. Besonders ältere und alte Menschen sind von ihr betroffen. Der letzte "Bericht zur Lage der älteren und alten Menschen in der Bundesrepublik Deutschland" trägt nicht ohne Grund den Untertitel "Unter besonderer Berücksichtigung der wachsenden Zahl Demenzerkrankter".

Dieser Bericht weist die Zahl von ca. 1,6 Millionen Erkrankter, unter Einbeziehung von Fällen in Frühstadien, aus; diese Zahl ist leider längst überholt. Geht man von der realistischen Annahme aus, wonach ca. 70-80 % aller Pflegeheimbewohner an einer Demenz erkrankt sind, und nur ca. 20% aller Demenzerkrankten in Heimen leben, ca. 80% zu Hause gepflegt und betreut werden, lässt sich heute mühelos die Zahl von mehr als 1,8 Mio. Erkrankter errechnen. Hierin dürften auch diejenigen einzubeziehen sein, die "lediglich" an einer natürlichen Altersdemenz, also an dem altersbedingten Abnehmen der Gehirnleistungsfähigkeit leiden. Die Zahl wächst in Folge der wachsenden Lebenserwartung unaufhörlich weiter! Bald wird die 2 Mio.- Grenze überschritten sein, wobei wir uns nicht auf eine grenzenlos steigende Lebenserwartung einstellen sollten; die heute statistisch errechnete dürfte die obere Grenze andeuten.

In einem vor kurzem stattgefundenen Kongreß der Bundesärztekammer in Berlin prognostizierte ein Wissenschaftler des Universitätsklinikums Freiburg, dass jeder 4. Deutsche einmal die Symptome einer Demenz entwickeln würde.

Allein im Jahr 2040 müßten für Demenzerkrankungen die gesamten Gesundheitskosten des Jahres 2000 aufgewandt werden. Demenzerkrankungen würden zu einer Volkskrankheit! Professor Dr. Wolfgang Maier, einer der führenden Demenz-Forscher in Deutschland, legte kürzlich auf einem Symposium der Alzheimer Gesellschaft Bonn Zahlen vor, die dies bestätigen. Er wies aber darauf hin, dass, werden die Rahmenbedingungen dazu geschaffen, auch ein Leben mit einer Demenz für die Betroffenen lebenswert sein kann, und die Aussicht auf eine, theoretisch jeden treffende, Erkrankung nicht Anlaß für "Angst vor dem Alter" sein muß und sollte!

Wir haben es heute bereits nicht mehr mit einer überschaubaren und beherrschbaren Zahl von Krankheitsfällen zu tun, sondern mit einem ständig wachsenden, alle Lebensbereiche und Familien betreffenden, Teil unserer gesamten Gesellschaft, für den heute die Weichen gestellt werden müssen.

Hinter jedem einzelnen Schicksal steht schon heute unermessliches Leid: nach der Diagnose brechen bei Vielen die Zukunftsperspektiven weg, pflegende und betreuende Angehörige opfern sich auf, oft, bis sie selbst zum Krankheitsfall werden. Enormen Belastungen sind auch Pflegekräfte in vielen Alten- und Pflegeheimen, die grundsätzlich nicht für die wachsende Zahl Demenz-Erkrankter konzipiert waren, ausgesetzt. Krankheitsspezifische Ausbildungsdefizite bei den Pflegenden und auf ein anderes "Klientel" ausgerichtete Betriebsabläufe verleiten häufig zum Einsatz von inhumanen mechanischen und medikamentösen Fixierungen! Bei Letzteren sind Ärzte gefragt, ob sie in jedem Einzelfall die Folgen ihrer Medikation genügend überdacht haben.

Haben wir uns so unser Altern vorgestellt? Natürlich nicht! Und so wundert es keinem, wenn Umfragen ergeben, dass die meisten Befragten sich ein Leben im Alter in einem Pflegeheim nicht vorstellen können! Wer aber eine Demenz-Erkrankung bekommt - und keiner kann sicher sein, nicht betroffen zu werden-, muß daher allein aus eigenem Interesse schon heute massiv dafür eintreten, dass für einen humanen und würdevollen Umgang mit den Kranken die Weichen gestellt werden! Grundsätzlich gilt aber:

Jeder einzelne Bürger unseres Landes, auch ein Demenzerkrankter, steht unter dem grundgesetzlichen Schutz des unabdingbaren Rechts auf eine würdevolle Behandlung, auf individuelle Freiheit und körperliche Unversehrtheit! Demenz-Erkrankte, haben, auch wenn sie sich krankheitsbedingt nicht mehr so mitteilen und verhalten können wie wir Gesunde, ein Seelenleben; sie empfinden Freude und Traurigkeit wie wir, sind verletzlich und können auch lachen. Sie bedürfen, gerade weil sie durch die Krankheit zunehmend hilf- und sprachloser werden, unserer besonderer Fürsorge, bezugsvoller Betreuung und biografiebezogener Beschäftigung.

Die Erkrankten bleiben trotz der alles oder vieles verändernden Krankheit Menschen, die es stets zu achten und zu respektieren gilt, auch wenn sie krankheitsbedingt nicht mehr unsere "Sprache" sprechen können.

Den "Preis" des Alterns, tritt denn nun einmal eine Demenzerkrankung auf, zahlen die Betroffenen unfreiwillig, indem sie des normalen Alterns, auf das sich fast jeder Mensch nun einmal freut, verlustig gehen. Dann kann und darf aber der Gedanke "Pech gehabt!", oder "hoffentlich erwischt es mich nicht" nicht die Leitlinie des Handelns oder der Einstellung der Gesunden sein. Unsere christliche Wertvorstellung vom Menschen und der menschlichen Gemeinschaft verpflichtet uns alle, schon jetzt auf allen Ebenen mitzuwirken, damit diejenigen, die von dieser tragischen Erkrankung betroffen sind oder sein werden, verständnisvoll und menschenwürdig versorgt und betreut werden.

Wir müssen jetzt und heute die Rahmenbedingungen schaffen, damit Demenz-Erkrankte nicht, erst Recht nicht aus finanziellen Gründen, ausgegrenzt werden, sondern ihren Platz in unserer Gesellschaft behalten, auch wenn es manchem leicht fällt, für sich selbst die "Option" einer eigenen Erkrankung auszuschließen, und die schon heute Betroffenen so gar nicht dem Bild einer lebenswerten und jugendlich-dynamischen Gesellschaft entsprechen.


© Michael G. Streicher
Alzheimer Gesellschaft Bonn e.V.