August 2002
ALZHEIMER  Gesellschaft  Bonn e.V.
Alzheimer Gesellschaft Bonn e.V.
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STELLUNGSNAHME
  Stellungnahme zum Aufruf der u.a. Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V., Deutschen
Hirnliga , Deutschen Gesellschaft f. Gerontopsychiatrie zur Bundestagswahl

 
  Wir begrüßen grundsätzlich den Appell der Verbände, vor allem die enorme Bereitschaft der vielen Prominenten, mit ihren Namen ihre Unterstützung einer breiten Öffentlichkeit sichtbar zu machen.
 
Die Verfasser des "Aufrufs" fordern u.a. und hauptsächlich eine "gerontopsychiatrische Zusatzausbildung für Pflegekräfte" und mehr Leistungen der Kassen für Medikamente. Die Alzheimer Gesellschaft Bonn e.V. bedauert, dass wesentlichere Forderungen zur dringend notwendigen Verbesserung der häuslichen Versorgung und Betreuung wie auch der Wohn- und Lebensverhältnisse in Heimen und Kliniken nicht ausdrücklich in den Aufruf der Verbände aufgenommen wurden. Hierzu nehmen wir wie folgt Stellung:
 
I. Vorrangig muss die Verbesserung der häuslichen Pflege und Betreuung sowie die Stärkung der pflegenden und betreuenden Angehörigen sein. Politiker aller Parteien sollten daher aufgefordert werden, die häuslichen Rahmenbedingungen wirksam und nachhaltig zu verbessern.
 
II.
Es ist unstreitig, dass die Pflegeausbildung des Umbaus/der Ergänzung bedarf, damit Pflegekräfte lernen, mit Demenz Erkrankten umzugehen, sich mit ihnen zu beschäftigen, sie zu verstehen und auch Eigeninitiativen zur Beschäftigung mit den Erkrankten zu entwickeln. Pflege alleine reicht nicht aus, um denjenigen, die nicht mehr zu Hause leben können, ein wohnliches und lebenswertes Umfeld zu schaffen
 
III. Bisher ist von den Befürwortern einer "gerontopsychiatrischen Zusatzausbildung" nicht eindeutig und nachvollziehbar dargetan worden, was sie eigentlich darunter verstehen! Bloße altersbezogene, psychiatrische Elemente dürften nicht ausreichen, Pflegekräfte für den Umgang mit den Erkrankten zu schulen.Die Alzheimer-Krankheit ist eine unheilbare hirnorganische Erkrankung und keine Krankheit der Seele (Psyche), auch wenn sie häufig schwere psychische Folgen hat. Um Psychosen (Depressionen, Aggressionen, gesteigerte Unruhe oder Ängste) zu vermeiden oder abzubauen müssen zunächst die Rahmenbedingungen für das Leben außerhalb des gewohnten Zu Hause geschaffen werden und ausreichend betreuungspädagogisch und psychologisch geschultes Personal in Heimen zur Verfügung stehen.Eine, wie auch immer verstandene "gerontopsychiatrische Zusatzausbildung" ersetzt keine neuen Wohnformen in kleinen Wohneinheiten, nicht die meistens fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten oder gar fehlendes Betreuungspersonal!

Informationen über die Krankheit und deren Folgen können nicht von Politikern übermittelt werden; hierzu müssen die Selbsthilfegruppen auf lokaler und regionaler Ebene organisatorisch und finanziell gestärkt werden da die "Arbeit vor Ort" durch Selbsthilfe von keiner Bürokratie erbracht werden kann.
 
IV. Politiker aller Parteien werden aufgefordert, die rechtlichen Voraussetzungen für eine betreuungspädagogische/psychologische Ausbildung von Betreuungskräften - versehen mit Grundkenntnissen von der Krankheit und ihren Auswirkungen auf das Verhalten der Betroffenen - zu schaffen. Die Heilpädagogik ist um einen Ausbildungsbereich krankheitsbezogene "Betreuungspädagogik" zu ergänzen, damit zukünftig genügend Ausbilder/Lehrer für die Ausbildung des Heim-Personals zur Verfügung stehen.
 
V. Aggressionen, Depressionen und Unruhe, als mittelbare Folgen des Umgangs der Kranken mit ihrer Erkrankung bzw. der Umgebung mit den Erkrankten können nicht wirksam psychiatrisch, erst Recht nicht medikamentös psychiatrisch, in Kliniken oder geschlossenen Abteilungen von Krankenhäusern geheilt werden. Erst Recht häufig eingesetzte Zwangsmittel wie Medikamente zur Sedierung und Ruhigstellung oder gar Fixierungen, schaffen Ängste und Unruhe bei Demenzerkrankten; Politiker aller Parteienwerden daher aufgefordert, die rechtlichen Voraussetzungen für ein Verbot von Fixierungen und der Abgabe von Psychopharmaka (von Akut- oder Notfällen abgesehen) in Heimen und Kliniken , zu schaffen. Dazu ist auch eine Änderung des PsychKG sowie des § 1906 BGB erforderlich.

Forderungen an die Politik sollten daher sein:

- Stärkung der häuslichen Pflege und Betreuung sowie wirksame Entlastung der betreuenden Angehörigen durch Erleichterungen bei der Beschäftigung von häuslichen Hilfen,
- Hilfen zur Schaffung neuer Wohnformen mit biografiebezogenen Beschäftigungs-Möglichkeiten für die Betroffenen,
- bessere Personalausstattung der Heime,
- Ergänzung der Pflegeausbildung um betreuungspädagogische und psychologische Elemente sowie Schulung des Betreuungspersonals für ein besseres Verständnis von und den Umgang mit der Krankheit,
- Verbot aller Psychopharmaka in Heimen und Kliniken zur Sedierung, Ruhigstellung (Akut- und Notfälle ausgenommen) und Anpassung der Betroffenen an das für die wachsende Zahl Demenz-Erkrankter nicht geschaffene und untaugliche Pflege- und Gesundheitssystem,
- Verbot der generellen Anwendbarkeit des PsychKG auf Alzheimer-Erkrankte.
 
Bonn, den 14.08.2002
Für den Vorstand der Alzheimer Gesellschaft Bonn e.V.:
Michael G. Streicher      info@alzheimer-gesellschaft-bonn.de