Februar 2003
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Heim-Enquete-Kommission
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Aus verschiedenen Quellen hört/liest man die Forderung nach einer sog. "Heim-Enquete-Kommission". Eine ähnliche Kommission, die Psychiatrie-Enquete-Kommission befasste sich vor Jahren, und vor der Normierung des neuen Betreuungsrechts, mit der Lage psychisch Kranker in der Psychiatrie. Sie hatte wegen vielfacher Missstände das neue PsychKG zur Folge.

Die Notwendigkeit der Einberufung eine Heim-Enquete-Kommission wird u.a. von Fachleuten und Politikern mit der mangelhaften Situation der Demenz-Erkrankten in Pflegeheimen begründet. Gefordert wird u.a. eine Strukturreform im Pflegewesen, die Schaffung neuer Wohnformen und eine bessere Kontrolle. Auch soll die Beteiligung der Betroffenen an den Entscheidungsprozessen in Heimen gesichert, somit die Rechte der Bewohner gestärkt werden.

Wir meinen:

Angesichts der bedrückenden Lage der Erkrankten müssen Sofortmaßnahmen ergriffen werden; das Ergebnis einer Kommissionsarbeit kann Jahre dauern. Wenn nun aber schon eine Kommission eingesetzt werden soll, dann sollte dies unverzüglich geschehen und ihr ein zeitlich enger Arbeitsrahmen gesetzt werden, damit bald etwas geschieht!
Die Verengung der Aufgaben und Ziele einer solchen Kommission lediglich auf die Situationen in den Pflegeheimen wird aber weder der realen Lage der ständig wachsenden Zahl der Erkrankten, noch der gesamtgesellschaftlichen Problemlage gerecht !

Unbestreitbar stehen fast alle Pflegeheime in Deutschland vor dem gleichen Problem: Ca. 70-80 % ihrer Bewohner sind an einer Demenz erkrankt, überwiegend an der Alzheimer Krankheit. Weder die Pflegekräfte noch die Heime selbst waren und sind auf diese große - und wachsende - Zahl Erkrankter vorbereitet.


Alle im Pflegewesen Erfahrene wissen, dass eine humane Betreuung und Versorgung weit mehr bedarf, als bloßer pflegerischer Leistungen:

Neue Wohnformen in kleinen Wohngruppen, biografie-bezogene Beschäftigung, heilpädagogische und ergotherapeutische Elemente in der Pflegeausbildung, mehr Personal und mehr Zuwendung statt medikamentöser und mechanischer Fixierungen, Isolierung oder gar Einsperren!

Die Lage der Betroffenen in Heimen ist aber nur ein Teil der gesamtgesellschaftlichen Problematik.

Gerichte ordnen auf Grund des PsychKG all zu häufig die Unterbringung Erkrankter in geschlossenen Abteilungen von psychiatrischen Kliniken an, mit all den bekannten, häufigen, Folgen : Versorgung in krankenhausähnlichen Strukturen, überwiegend medikamentöse "Therapierung" statt Beschäftigung mit den Kranken, Fixierungen und oft wochenlanges Ruhigstellen mit Psychopharmaka.

Das PsychKG ist aber für Alzheimer-Erkrankte nicht geschaffen worden, sie sind überhaupt nicht im "Katalog" der Anwendungsfälle genannt.

Eine Vielzahl von "Therapien" wird in Kliniken oder außerhalb der Häuser angeboten, ohne dass die meisten Angebote inhaltlich verständlich offengelegt und deren Wirksamkeit nachgewiesen wird.
Manche Angebote werden zudem mit wissenschaftlichen Fachbegriffen in völlig neuer Kombination ummantelt, so daß sie den Anschein der Hieb- und Stichfestigkeit und erfolgreicher wissenschaftlicher Erprobung erwecken. Dadurch entstehen oft unerfüllbare Hoffnungen, und sie verwirren die rat- und hilfesuchenden Angehörigen. Manche Angebote erwecken zudem den Eindruck, eher der Arbeitsplatzbeschaffung oder der Schaffung neuer Berufsfelder zu dienen, als der humanen und biografiebezogenen Beschäftigung mit Menschen, die zunehmend hilfloser und von der Hilfe Dritter abhängig werden.

Auch und vor allem die häusliche Versorgung durch Angehörige ist längst weit über die Grenzen des Zumutbaren und des gesundheitlich Machbaren und Vertretbaren hinaus geschritten. Angehörige sind oft am Ende ihrer physischen Leistungsfähigkeit angelangt und zudem psychisch enorm belastet. "Die Krankheit des Demenz-Kranken wird zur Krankheit des betreuenden und versorgenden Angehörigen", hört man immer häufiger. Betroffene wissen dies aus der täglichen Erfahrung längst!

Vor allem bei der häuslichen Versorgung besteht daher akuter Handlungsbedarf, zumal ca. 80% der Demenz-Erkrankten zunächst in der gewohnten, häuslichen Umgebung betreut und versorgt werden.

Bund, Ländern, Gemeinden, Kassen und auch Gewerkschaften (Änderung des Tarifrechts) sind aufgerufen, jetzt zu handeln.

Die Verdichtung der Aufgaben einer Enquete-Kommission bloß auf die Lage in den Pflegeheimen, wird daher nicht der gesamten, katastrophalen, Situation der Demenz-Kranken in unserer Gesellschaft gerecht, sie muß auch von all denen, die sich aufopfernd in Heimen um die Erkrankten unter den schweren Bedingungen bemühen, als diskriminierend und ungerecht empfunden werden.

Sie fokussiert die Problematik lediglich auf einen einzigen Teilbereich unseres Pflege- und Gesundheitssystems bei Demenz-Erkrankten und erweckt den falschen Eindruck, als läge das Hauptproblem in den Heimen, und als gäbe es für Demenz-Erkrankte in Deutschland nur ungeeignete Heime und nur unfähige Pflegekräfte. Viele Häuser in Deutschland und viele Initiativen und hohe Einsätze von Pflegekräften und Pflegeheimleitungen beweisen aber, dass an vielen Orten humanes Leben und Wohnen mit Beschäftigung und ohne Zwangsmittel zum Alltag gehören.

Zum Aufgabenkatalog einer Kommission gehört auch die bessere Versorgung Demenzerkrankter in den Frühstadien der Erkrankung mit - nur eine begrenzte Zeit wirksamen - verlaufsverzögernden Antidementiva; diese teuren Medikamente müssen aus den Ärzte-Budgets herausgenommen werden, damit sie frühzeitiger und häufiger zum Einsatz kommen!

Die Furcht vor Regress führt dazu, dass diese Medikamente vielfach nicht verordnet werden. Natürlich sind die Ärzte andererseits gehalten, überflüssige oder nur wenig wirksame Medikamente zur "Budget-Schonung" bei anderen Patienten nicht oder äußerst zurückhaltend zu verschreiben, wenn Patienten durch einfachere Mittel und Methoden selbst zu ihrer Heilung beitragen können ("Omis alte bewährte Rezepte sind gar nicht so schlecht!").

Auch die Stärkung der Position des Hausarztes, die Schaffung von weit mehr Tages- und Kurzzeitpflegeplätzen, von Gärten für Demenz-Erkrankte und die Einbeziehung ehrenamtlich Tätiger (auch Jugendlicher) in die Betreuung gehören zum Themenkatalog einer solch wichtigen Kommission, ebenso die kassenübergreifenden Kooperationen und Ausgleichszahlungen ("Verbesserung der häuslichen Versorgung schont die Versichertengemeinschaften in den Kranken- und Pflegeversicherungen").


Eine objektive, von allen Interessensgruppen (Pharmafirmen, Kliniken, Ärzten und Heimorganisationen) unbeeinflusste Bestandsaufnahme ist Grundvoraussetzung für eine kritische und bald wirksame Kommissionsarbeit.


Die Erweiterung der Aufgabenstellung einer Enquete-Kommission würde zudem die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die bereits heute weit mehr als 1,6 Millionen Demenz-Erkrankter (mit steigender Tendenz) dokumentieren.


Einer Enquete-Kommission sollte daher die Thematik "Zur Situation der Demenz-Kranken in der häuslichen Versorgung, in Pflegeheimen und psychiatrischen Kliniken" zur Hand gegeben werden.


© Michael G. Streicher
Alzheimer Gesellschaft Bonn e.V.