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Aus verschiedenen Quellen hört/liest man die Forderung
nach einer sog. "Heim-Enquete-Kommission".
Eine ähnliche Kommission, die Psychiatrie-Enquete-Kommission
befasste sich vor Jahren, und vor der Normierung des
neuen Betreuungsrechts, mit der Lage psychisch Kranker
in der Psychiatrie. Sie hatte wegen vielfacher Missstände
das neue PsychKG
zur Folge.
Die
Notwendigkeit der Einberufung eine Heim-Enquete-Kommission
wird u.a. von Fachleuten und Politikern mit der mangelhaften
Situation der Demenz-Erkrankten in Pflegeheimen begründet.
Gefordert wird u.a. eine Strukturreform im Pflegewesen,
die Schaffung neuer Wohnformen und eine bessere Kontrolle.
Auch soll die Beteiligung der Betroffenen an den Entscheidungsprozessen
in Heimen gesichert, somit die Rechte der Bewohner gestärkt
werden.
Wir
meinen:
Angesichts
der bedrückenden Lage der Erkrankten müssen
Sofortmaßnahmen ergriffen werden; das Ergebnis
einer Kommissionsarbeit kann Jahre dauern. Wenn nun
aber schon eine Kommission eingesetzt werden soll, dann
sollte dies unverzüglich geschehen und ihr ein
zeitlich enger Arbeitsrahmen gesetzt werden, damit bald
etwas geschieht!
Die Verengung der Aufgaben und Ziele einer solchen
Kommission lediglich auf die Situationen in den Pflegeheimen
wird aber weder der realen Lage der ständig wachsenden
Zahl der Erkrankten, noch der gesamtgesellschaftlichen
Problemlage gerecht !
Unbestreitbar
stehen fast alle Pflegeheime in Deutschland vor dem
gleichen Problem: Ca. 70-80 % ihrer Bewohner sind an
einer Demenz erkrankt, überwiegend an der Alzheimer
Krankheit. Weder die Pflegekräfte noch die Heime
selbst waren und sind auf diese große - und wachsende
- Zahl Erkrankter vorbereitet.
Alle im Pflegewesen Erfahrene wissen, dass eine humane
Betreuung und Versorgung weit mehr bedarf, als bloßer
pflegerischer Leistungen:
Neue
Wohnformen in kleinen Wohngruppen, biografie-bezogene
Beschäftigung, heilpädagogische und ergotherapeutische
Elemente in der Pflegeausbildung, mehr Personal und
mehr Zuwendung statt medikamentöser und mechanischer
Fixierungen, Isolierung oder gar Einsperren!
Die
Lage der Betroffenen in Heimen ist aber nur ein Teil
der gesamtgesellschaftlichen Problematik.
Gerichte
ordnen auf Grund des PsychKG all zu häufig die
Unterbringung Erkrankter in geschlossenen Abteilungen
von psychiatrischen Kliniken an, mit all den bekannten,
häufigen, Folgen : Versorgung in krankenhausähnlichen
Strukturen, überwiegend medikamentöse "Therapierung"
statt Beschäftigung mit den Kranken, Fixierungen
und oft wochenlanges Ruhigstellen mit Psychopharmaka.
Das
PsychKG ist aber für Alzheimer-Erkrankte nicht
geschaffen worden, sie sind überhaupt nicht im
"Katalog" der Anwendungsfälle genannt.
Eine
Vielzahl von "Therapien" wird in Kliniken
oder außerhalb der Häuser angeboten, ohne
dass die meisten Angebote inhaltlich verständlich
offengelegt und deren Wirksamkeit nachgewiesen wird.
Manche Angebote werden zudem mit wissenschaftlichen
Fachbegriffen in völlig neuer Kombination ummantelt,
so daß sie den Anschein der Hieb- und Stichfestigkeit
und erfolgreicher wissenschaftlicher Erprobung erwecken.
Dadurch entstehen oft unerfüllbare Hoffnungen,
und sie verwirren die rat- und hilfesuchenden Angehörigen.
Manche Angebote erwecken zudem den Eindruck, eher der
Arbeitsplatzbeschaffung oder der Schaffung neuer Berufsfelder
zu dienen, als der humanen und biografiebezogenen Beschäftigung
mit Menschen, die zunehmend hilfloser und von der Hilfe
Dritter abhängig werden.
Auch
und vor allem die häusliche Versorgung durch
Angehörige ist längst weit über die Grenzen
des Zumutbaren und des gesundheitlich Machbaren und
Vertretbaren hinaus geschritten. Angehörige sind
oft am Ende ihrer physischen Leistungsfähigkeit
angelangt und zudem psychisch enorm belastet. "Die
Krankheit des Demenz-Kranken wird zur Krankheit des
betreuenden und versorgenden Angehörigen",
hört man immer häufiger. Betroffene wissen
dies aus der täglichen Erfahrung längst!
Vor
allem bei der häuslichen Versorgung besteht daher
akuter Handlungsbedarf, zumal ca. 80% der Demenz-Erkrankten
zunächst in der gewohnten, häuslichen Umgebung
betreut und versorgt werden.
Bund,
Ländern, Gemeinden, Kassen und auch Gewerkschaften
(Änderung des Tarifrechts) sind aufgerufen, jetzt
zu handeln.
Die
Verdichtung der Aufgaben einer Enquete-Kommission bloß
auf die Lage in den Pflegeheimen, wird daher nicht der
gesamten, katastrophalen, Situation der Demenz-Kranken
in unserer Gesellschaft gerecht, sie muß auch
von all denen, die sich aufopfernd in Heimen um die
Erkrankten unter den schweren Bedingungen bemühen,
als diskriminierend und ungerecht empfunden werden.
Sie
fokussiert die Problematik lediglich auf einen einzigen
Teilbereich unseres Pflege- und Gesundheitssystems bei
Demenz-Erkrankten und erweckt den falschen Eindruck,
als läge das Hauptproblem in den Heimen, und als
gäbe es für Demenz-Erkrankte in Deutschland
nur ungeeignete Heime und nur unfähige Pflegekräfte.
Viele Häuser in Deutschland und viele Initiativen
und hohe Einsätze von Pflegekräften und Pflegeheimleitungen
beweisen aber, dass an vielen Orten humanes Leben und
Wohnen mit Beschäftigung und ohne Zwangsmittel
zum Alltag gehören.
Zum
Aufgabenkatalog einer Kommission gehört auch die
bessere Versorgung Demenzerkrankter in den Frühstadien
der Erkrankung mit - nur eine begrenzte Zeit wirksamen
- verlaufsverzögernden Antidementiva; diese
teuren Medikamente müssen aus den Ärzte-Budgets
herausgenommen werden, damit sie frühzeitiger und
häufiger zum Einsatz kommen!
Die
Furcht vor Regress führt dazu, dass diese Medikamente
vielfach nicht verordnet werden. Natürlich sind
die Ärzte andererseits gehalten, überflüssige
oder nur wenig wirksame Medikamente zur "Budget-Schonung"
bei anderen Patienten nicht oder äußerst
zurückhaltend zu verschreiben, wenn Patienten durch
einfachere Mittel und Methoden selbst zu ihrer Heilung
beitragen können ("Omis alte bewährte
Rezepte sind gar nicht so schlecht!").
Auch
die Stärkung der Position des Hausarztes, die Schaffung
von weit mehr Tages- und Kurzzeitpflegeplätzen,
von Gärten für Demenz-Erkrankte und die Einbeziehung
ehrenamtlich Tätiger (auch Jugendlicher) in die
Betreuung gehören zum Themenkatalog einer solch
wichtigen Kommission, ebenso die kassenübergreifenden
Kooperationen und Ausgleichszahlungen ("Verbesserung
der häuslichen Versorgung schont die Versichertengemeinschaften
in den Kranken- und Pflegeversicherungen").
Eine objektive, von allen Interessensgruppen (Pharmafirmen,
Kliniken, Ärzten und Heimorganisationen) unbeeinflusste
Bestandsaufnahme ist Grundvoraussetzung für eine
kritische und bald wirksame Kommissionsarbeit.
Die Erweiterung der Aufgabenstellung einer Enquete-Kommission
würde zudem die gesamtgesellschaftliche
Verantwortung für die bereits heute weit mehr als
1,6 Millionen Demenz-Erkrankter (mit steigender Tendenz)
dokumentieren.
Einer Enquete-Kommission sollte daher die Thematik
"Zur Situation der Demenz-Kranken in der häuslichen
Versorgung, in Pflegeheimen und psychiatrischen Kliniken"
zur Hand gegeben werden.
© Michael G. Streicher
Alzheimer Gesellschaft Bonn e.V.
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